Henri Reuter: Früher Schiri-Assistent in der Champions League, heute Torwarttrainer in Schoden und Zerf

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Der königliche Abschied bleibt unvergessen

Quelle: volksfreund.de - Autor: Vinzenz Anton | 19.02.2020

Als Schiedsrichter-Assistent erlebte Henri Reuter in Madrid, Liverpool und Rom besondere Momente. Heute trainiert der 61-jährige Luxemburger unter anderem Torhüter in Schoden und Zerf.

Auftritt auf großer Bühne: Henri Reuter (vorne links)

Auftritt auf großer Bühne: Henri Reuter (vorne links) war bei einigen internationalen Fußball-Spielen als Schiedsrichter-Assistent im Einsatz. Darunter waren mehrere Champions-League-Begegnungen.

222 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Rheinlandliga-Heimspielen der SG Hochwald-Zerf. Zum SG-Trainerteam gehört ein Mann, der schon vor 80 000 Zuschauern aktiv war und dessen interessante Geschichte kaum einer kennt. Die Rede ist von Henri „Heng“ Reuter, der heute unter anderem in Zerf für das Torwarttraining verantwortlich ist.

Reuter war bis 1981 Torwart in Luxemburgs zweithöchster Klasse, doch dann bremste ihn eine missglückte Knie-Operation aus. Er wechselte die Seiten, wurde Torwarttrainer, (Jugend-)Trainer und Schiedsrichter-Assistent. An der Seitenlinie feierte der Luxemburger große Erfolge und lief 75 Mal international auf. Fifa-Assistent war er von 1991 bis 2009. Zwischen 1984 und 2009 war er als Linienrichter in den höchsten Spielklassen in Luxemburg, Frankreich und Belgien aktiv.

An sein letztes Spiel in der Champions League erinnert sich Heng, wie er von seinen Freunden genannt wird, gerne zurück: „Am 23. November 2004 durfte ich Linienrichter bei der Partie Real Madrid gegen Bayer Leverkusen sein. Da war die Freude schon groß. Und die Luxemburger Medien titelten über mich: ,Königlicher Abschied’.“

Reuter hatte im Zusammenspiel mit Hauptschiedsrichter Alain Hamer die Stars auf dem Rasen (unter anderem Raul, Ronaldo, Zidane, Beckham und Casillas) im Griff. Die Partie endete 1:1 nach Toren von Dimitar Berbatov und Raul (nach Vorarbeit von Luis Figo). Vom Abschiedsspiel sicherte sich der auf Yoga und mentales Training setzende Reuter ein Trikot mit allen Unterschriften der Real-Stars.

Reuters Assistentenkarriere ist reich an Anekdoten: Einmal habe ganz Anfield über ihn gelacht, weil „mir nach sieben Minuten die Fahne gebrochen ist. Ich habe abseits gewinkt und nicht sofort verstanden, warum die Leute lachten. In der Halbzeit haben wir die Fahne dann geklebt. Ab da hatten wir immer genug Ersatz dabei.“ Die Stimmung in Liverpool sei sehr besonders gewesen, wobei sich Reuter neben dem prickelnden ,You’ll never walk alone’ noch an einen ebenfalls prickelnden Satz eines spanischen Schiedsrichter-Beobachters erinnert: „Kurz vor dem Anpfiff sagte er zu mir: Your next game could be your last. Also das nächste Spiel kann dein letztes sein. Mit diesem Druck musste man umgehen.“

Der Aufnäher weist Henri Reuter als Fifa-Assistent aus.

Der Aufnäher weist Henri Reuter als Fifa-Assistent aus. Heute ist der Luxemburger unter anderem bei der SG Saartal und der SG Hochwald-Zerf als Torwarttrainer tätig.

Reuter war als Unparteiischer kein Profi. Hauptberuflich war er 44 Jahre lang als Elektromechaniker bei der Eisenbahn tätig. „Pro Jahr habe ich an die 20 Urlaubstage geopfert, um Länderspiele und Champions League-Spiele übernehmen zu können. Und im Winter habe ich ganz viele Überstunden aufgebaut. Für mich ist ein Traum wahrgeworden“, bilanziert Reuter.

Ein besonderes und für ihn bis heute prägendes Ereignis seien die Special Olympics Weltspiele in den 1990er Jahren in den USA gewesen, zu denen er als Schiedsrichter drei Wochen lang eingeladen war: „Menschlich hatte ich da tolle Begegnungen. Ich habe Erfahrungen mit Leuten gemacht, die ganz andere Probleme haben.“

Sein Leben lang nicht vergessen werde er ein Spiel beim AS Rom, als er im dortigen Olympiastadion feststellte, dass das Tor acht Zentimeter zu niedrig war. Die Verantwortlichen weigerten sich zunächst, für Ersatz zu sorgen, da schon internationale Spiele mit dem gleichen Tor ausgetragen worden seien. Reuter hielt sich an die Regeln, und binnen einer Stunde wurde ein passendes Tor gefunden.

Reuters letztes Länderspiel war die Begegnung Aserbaidschan gegen England. Für ihn habe es in puncto Einstellung und Spielvorbereitung keinen Unterschied gemacht, ob 100 Zuschauer in Luxemburg oder 80 000 Fans in Madrid anwesend waren.

Sein politisch schwerstes Spiel sei nach dem Balkankrieg die Begegnung Serbien gegen Italien gewesen, als das Schiedsrichtergespann mit einer Polizei-Eskorte vom Hotel zum Stadion geleitet werden musste.

Spielbericht: Juventus Turin gegen FC Maccabi Tel-Aviv

Der Spielberichtsbogen der Partie Juventus Turin gegen Tel Aviv, in der Reuter als Linienrichter fungierte. Siehe unten links.

Den Video-Beweis betrachtet Reuter positiv, aber dessen Umsetzung sei zu kompliziert. Ihm gefällt die vor kurzem im Fernsehen gezeigte Dokumentation über Schiedsrichter Deniz Aytekin, da sie gut den Druck vermittle, der auf den Unparteiischen laste: „Der Stress ist immer da, und die Kunst besteht darin, über zwei Stunden hinweg voll konzentriert zu sein. Deshalb habe ich sogar vor dem Anpfiff noch in der Kabine Mentaltraining gemacht.“

Vor zwei Jahren lotste ihn sein langjähriger Weggefährte Thomas Berens (aktuell Trainer des Bezirksligisten SV Konz) als Torwarttrainer nach Schoden: „Ich kenne Thomas seit 20 Jahren und habe mich über meine erste Station in Deutschland sehr gefreut. Generell fühle ich mich hier sehr wohl, da im Luxemburger Fußball mittlerweile viel zu viel Geld im Spiel ist, was Nachteile hat. Überzogene Gehälter und Prämien führen dazu, dass die Zuschauer keine Identifikation mehr zu den Vereinen haben und immer weniger Besucher zu den Spielen kommen.“

Das sei im Saartal und im Hochwald komplett anders. Inzwischen ist der 61-jährige Luxemburger auch bei der SG Hochwald als Torwarttrainer aktiv. Den Kontakt stellte SG-Vorstandsmitglied Edgar Mohsmann her. Und nicht nur das. Reuter hat gleich mehrere Eisen im Feuer. Manchmal trainiert er pro Woche mehr als 20 Torhüter in Zerf und Schoden, bei Jeunesse Biwer und der Merterter Jugend in Luxemburg.

Mir macht die Arbeit mit den jungen Menschen Spaß, und ich habe mich bewusst dafür entschieden, schon im Jugendbereich Torwarttraining zu geben. So oft es geht, unterstütze ich meine Schützlinge auch in den Pflichtspielen“, sagt der in Wasserbillig lebende Fan des 1. FC Köln.

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